Peter Paul Rubens, Drei Männer in klassischen Gewändern (recto), Briefentwurf (verso)

Peter Paul Rubens, Drei Männer in klassischen Gewändern (recto), Briefentwurf (verso)

Man hört es von vielen Künstler*innen: Sie zeichnen, wo immer sie können. Das gilt auch für Peter Paul Rubens. Er zeichnete unaufhörlich, auch als junger Mann Mitte 20 in Italien wie beispielsweise auf der Rückseite eines Blattes wie diesem mit einem Briefentwurf. Es ist weltweit nur ein einziges anderes Beispiel so eines doppelseitigen Werkes von seiner Hand bekannt. 

 

Peter Paul Rubens (1577 - 1640)

Drei Männer in klassischen Gewändern (recto), Briefentwurf (verso)

1607

Feder und braune Tinte auf Papier

Neugieriger Rubens

Rubens hält sich von 1600 bis 1608 in Italien auf: zuerst in Venedig, danach in Mantua und dann lange Zeit in Rom. In Mantua und Rom steht er im Dienst von Herzog Vincenzo I. Gonzaga und dessen Frau Eleonora de’Medici, die beide als leidenschaftliche Kunstsammler bekannt sind. Rubens ist nicht nur Hofmaler, sondern auch Berater, Agent in Kunstangelegenheiten und Vermittler.   

Dieser Briefentwurf vom September 1607 ist ein schöner Beleg dafür: Rubens informiert sich bei dem Maler Cristoforo Roncalli, auch „il Pomarancio (1551/1552-1626) genannt, wie es um die Bestellung der Herzogin steht. Er sei sehr neugierig, schreibt er. Peter Paul und der wesentlich ältere Cristoforo kennen einander gut. Um welches Werk es sich hier handelt, wissen wir nicht. Der echte Brief ist nicht erhalten geblieben. 

Peter Paul Rubens, Drei Männer in klassischen Gewändern (recto), Briefentwurf (verso), 1607, Feder und braune Tinte auf Papier, Rubenshuis (langfristige Leihgabe der König-Baudouin-Stiftung), gemeinfrei
Peter Paul Rubens, Drei Männer in klassischen Gewändern (recto), Briefentwurf (verso), 1607, Feder und braune Tinte auf Papier, Rubenshuis (langfristige Leihgabe der König-Baudouin-Stiftung), gemeinfrei
Datenbank

Ungefähr zur gleichen Zeit hatte Rubens eine spontane Idee, einen kreativen Impuls: Auf der Rückseite probiert er zuerst seine Feder aus – das sieht man am oberen Bildrand mitterechts – und skizziert dann in brauner Tinte drei Männerfiguren. Zeichnungen wie diese bezeichnet man als „crabbeling” (wörtlich: Kritzelei). Rubens arbeitet dabei treffsicher und voller Selbstvertrauen. 

Bei anderen Zeichnungen von seiner Hand handelt es sich um Kopien bestehender Kunstwerke, bei dieser Skizze ist das jedoch nicht sicher. Zusammen mit Rubens’ eigenen Entwürfen bilden diese Zeichnungen im Laufe der Zeit eine riesige Datenbank von Haltungen, Gesten, Figuren …, aus denen er und seine Ateliermitarbeiter schöpfen können.  

Seltene Zeichnung

Wer sind die drei Männer? Wir können sie nicht mit einem bestehenden Werk in Verbindung bringen. Sie tragen klassische Mäntel, zwei von ihnen haben einen Bart und der Mann rechts breitet die Arme aus. Höchstwahrscheinlich handelt es sich hier um drei sich unterhaltende Apostel und der Mann rechts könnte der junge Johannes sein. So eine Skizze aus Rubens‘ Zeit in Italien ist äußerst selten.

Peter Paul Rubens, Drei Männer in klassischen Gewändern (recto), Briefentwurf (verso), 1607, Feder und braune Tinte auf Papier, Rubenshuis (langfristige Leihgabe der König-Baudouin-Stiftung), gemeinfrei
Ratgeber Rubens

Doch nun zurück zum Briefentwurf: ein prächtiges Beispiel dafür, dass Rubens weit mehr war als ein Maler. In Rom überwachte er im Auftrag von Eleonora de’Medici die Arbeiten an den Werken, die die Herzogin bei seinen Kollegen bestellt hatte. Rubens sah sich die Fortschritte an, beurteilte die Gemälde und verhandelte über den Preis. In dem Briefentwurf teilt er mit, dass er sehr neugierig auf das Bild sei, an dem Roncalli gerade arbeite:

Peter Paul Rubens, Drei Männer in klassischen Gewändern (recto), Briefentwurf (verso), 1607, Feder und braune Tinte auf Papier, Rubenshuis (langfristige Leihgabe der König-Baudouin-Stiftung), gemeinfrei
… unter anderem, zur Erinnerung … / … (meine?) Geschätzte Freundlichste Herrin und ihr Gemälde. / [hat] sehr gut verstanden, was sie genau schuldet / dem erhabenen Wert Eurer Exzellenz. Es würde mir große Freude bereiten [zu sehen] / so ein [schönes?] / Werk aus Euren Händen geboren, mit dem üblichen Glück; übrigens würde ich nicht sein, was Ihr sagt, sondern nutzlos … / es sei denn, um es zu bewundern. Dessen getrost [bin ich] / davon überzeugt, es zu empfangen; es wird für mich ein großer Ansporn sein, um es [zu bewundern] / so schnell wie möglich. Inzwischen, haltet mich in [Eurer] /Gunst und in der des Herrn Abbate Crescenzi … / Mit Eurer Hilfe werde ich sie verdienen können. Und zu guter Letzt küsse ich Eure Hände …

Peter Paul Rubens an Cristoforo Roncalli

Intim mit Rubens

Fügt man das alles zusammen, dann kann man dieses doppelseitige Blatt bedenkenlos als einzigartigen Zeugen bezeichnen. Die Zeichnung ermöglicht uns buchstäblich einen intimen Blick über Rubens‘ Schulter. Sie zeigt uns, wie er Ideen umsetzt. Durch den Briefentwurf hingegen erfahren wir aus erster Hand, wie es konkret in der Kunstwelt dieser Zeit zuging und wie Rubens als Berater und Manager einer wichtigen und mächtigen Auftraggeberin und Kunstmäzenin arbeitete. 

Oder: Wie sich hinter einem einfachen Blatt Papier eine ganze Welt verbirgt…